20. Februar 2018

Geschlechtlichkeit gehört zum Menschsein

Anthropologie, Ethik, Kirche,

Versuch einer kurzen sexualetischen Orientierungshilfe

These 1: Die evangelische Sexualethik gibt es nicht. Vielmehr ist von einer Vielfalt sexualethischer Vorstellungen, Konzepte und Orientierungen auszugehen. Diese Pluralität sollte um der Sexualethik selbst willen nicht negiert oder pejorisiert werden, sondern als Chance zum Lernen verstanden werden – hier: als Chance anthropologischen Lernens.

These 2: Evangelische Sexualethik fragt nach dem Menschen als Geschöpf Gottes und danach, was dem Geschöpf Gottes dient. Vorausgesetzt ist, dass der Mensch als relationales, das heißt: als Beziehungswesen verstanden wird.[1] Diese Aussage hat axiomatischen Wert.

These 3: Erschaffen ist der Mensch nach Genesis 2 als „isch“ (Mann) und „ischa“ (Männin), womit Jahwe von Anfang an Ja zur Dualität des Menschen als Mann und Frau und also auch Ja zum Beziehungswesen Mensch sagt und ihn auf diese Weise gleichermaßen auszeichnet wie in Anspruch nimmt.

These 4: Zur Geschöpflichkeit des Menschen gehört untrennbar seine Geschlechtlichkeit, wobei zwischen gender (soziales/kulturelles Geschlecht) und sexus (biologisches/natürliches Geschlecht) unterschieden werden muss. Mit dieser Unterscheidung wird die gesellschaftliche Bedingtheit der weiblichen und männlichen Rolle thematisiert und als veränderbar erklärt. Daraus ergibt sich ein nicht geringer Spielraum für die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit.

These 5: Jede definitorische Festlegung des Menschen auf sein entweder natürliches (sexus) oder kulturelles (gender) Geschlechtsleben untergräbt sowohl die ihm von Gott verliehene Herrlichkeit, zum Ebenbild Gottes erschaffen worden zu sein[2], als auch die Herrlichkeit des Schöpfers selbst, der in der Geschichte Jesu Christi Mensch für alle und mit allen Menschen geworden ist[3]. Dem Zeugnis des Neuen Testaments zufolge ist sogar nur Jesus Christus Gottes wahres Ebenbild.

These 6: Geschlechtlichem Leben in seiner Vielfalt werden wir darum nur gerecht, indem wir den Menschen nicht als eine abgeschlossene Entität, sondern als Frage verstehen[4] und das heißt: als einen nach seinem Schöpfer Fragenden[5] und als einen von seinem Schöpfer Gefragten[6].

These 7: Als zum Ebenbild Gottes Geschaffener ist der Mensch danach gefragt, ob seine Sexualität in Freiwilligkeit, in der Achtung vor Andersheit, in Ermöglichung gleicher Verwirklichungschancen und in der Bereitschaft zur Treue und zum Neuanfang besteht.[7]

These 8: Ausgehend von diesen Kriterien können im Blick auf den Vollzug von Sexualität folgende Fragen eine Orientierung ermöglichen: Ist die gelebte Sexualität lebensdienlich? Tut die gelebte Sexualität dem anderen gut? Fördert die gelebte Sexualität Lebenszufriedenheit?

These 9: Wo diese Fragen bejaht werden können, da leben Menschen ihr (geschlechtliches) Leben vor Gott, vor sich selbst und vor ihren Mitmenschen in gelingenden Beziehungen und geben damit Gott die Ehre. Die Ehre Gottes freilich ist es, zu der der Mensch „im Anfang“ erschaffen wurde.

These 10: Die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments ist voll von Erzählungen, in denen Menschen gelingende, aber auch misslingende Sexualität (er-)leben. Sie ist und bleibt damit – des Menschen Untreue zum Trotz – Zeugnis von Gottes Treue zum Menschen, was sich auch und besonders in zwischenmenschlichen Beziehungen widerspiegelt; z.B. in den Erzählungen der Erzväter und -mütter Israels.[8]

 


[1] Vgl. Gen 1,1-2,4a.
[2] Vgl. Gen 1,26f.
[3] Vgl. Joh 1,14 u.ö.
[4] Vgl. Ps 8,5a.
[5] Vgl. Ps 86,7 u.ö.
[6] Vgl. Gen 3,9.
[7] Vgl. dazu die gelungenen Ausführungen von Peter Dabrock et. al. (Hrsg.), Unverschämt – schön. Sexualethik: evangelisch und lebensnah, Gütersloh 2015.
[8] Vgl. z.B. Gen 12ff.